New York / Chicago Sommer 2003
 

Von Lotta Wieden

 

Im Mai 2003 erhielt ich das Michael-Jürgen-Leisler-Kiep-Stipendium. Ich hatte zwei längere Radio-Reportagen im Kopf, die ich schon von Deutschland aus vorbereitet hatte. Vor Ort wollte ich dann noch weitere Geschichten recherchieren. Ich war offen für das, was sich ergeben würde und wollte außerdem möglichst viel von New York und Chicago mitbekommen.

1. New York

Eine große Hilfe war für mich die Bekanntschaft mit Christian Schwalb, Korrespondent der Financial Times Deutschland. Sein Büro liegt zwischen der 6. und 5. Avenue in Manhattan, keine 500 Meter vom Times Square entfernt. Hier arbeiten außerdem Beatrice Uerlings (Börsenberichterstattung für das Deutschlandradio und das ZDF) sowie Max Boehnel und Gerti Schön, Kultur- und Medienreporter für den ARD-Hörfunk. Tageslicht ist an diesem Ort ein kostbares Gut, ebenso Stille. Ständig dringt das Hupen einer Alarmanlage von der Straße herein oder das Geheule einer Polizeisirene. Dazu brummt immerdar die Klimaanlage. Dennoch nahm ich das Angebot von Christian Schwalb an, mir hier für die nächsten Wochen einen Arbeitsplatz einzurichten.

Von New York aus berichtete für das "Deutschlandradio" über das Rauchverbot, das direkt nach meiner Ankunft für alle New Yorker Restaurants, Kneipen und Cafés ergangen war. Abends bildeten sich jetzt Trauben von Menschen vor den Lokalen, um sich zwischen zwei Gängen oder zwei Drinks, eine Zigarette anzustecken. Sie schimpften auf Bürgermeister Bloomberg und entwickelten die abenteuerlichsten Ideen, um das Verbot zu umgehen.

Es folgten: Ein Feature über einen ehemaligen israelischen Geheimagenten, ein Interview mit dem Musikwissenschaftler Neil Levin, der im Auftrag der Milkin-Foundation gerade die weltweit größte Tonträger-Sammlung jüdischer Musik aufbaut, eine 55-minütige Reportage (SWR + DRadio) über Niklas Becker, einen deutschen Turnschuhsammler, den ich bei der Suche nach einem "Air Force 1" (Nike) durch die Bronx und Harlem begleitete, ein Gespräch mit Kert Davies von Greenpeace USA zu den in Planung befindlichen Windrädern an der Küste von Cap Code (Greenpeace-Magazin) und eine Sozialreportage über das neue In-Viertel „Red Hook“ im Süden Brooklyns (Frankfurter Rundschau).

Auf einige dieser Themen kam ich durch die "New York Times", andere, wie die Geschichte von dem Turnschuhverrückten Niklas hatte ich schon in Deutschland vorbereitet, und wieder andere waren Tipps meiner Kollegen in New York oder Aufträge von Redakteuren („Red Hook“), denen ich vor meiner Abreise von meinem USA-Aufenthalt erzählt hatte. Insgesamt berichtete ich für folgende Medien: Deutsche Welle, SWR, WDR, „Deutschlandradio“, „Frankfurter Rundschau“, "GQ" und "Weltwoche". Einige meiner Pläne konnte ich nicht verwirklichen, aber anderes kam unerwartet hinzu: Etwa die Begegnung mit dem Künstler und früheren Geheimagenten Peter Malkin, jenem Mann, der 1960 den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Argentinien aufspürte, überwältigte und nach Jerusalem schaffen ließ, wo Eichmann im Dezember 1961 wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk, gegen die Menschenrechte und Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt wurde.

2. Chicago

Die letzten drei Wochen meiner USA-Reise verbrachte ich in Chicago. Ich hatte nach New York eine zweite amerikanische Großstadt kennen lernen wollen und den mittleren Westen. In Chicago wohnte ich bei dem Architekten und Radiomoderator Edward Lifson – sehr exquisit in einem Mies van der Rohe Haus (860-880 N. Lake Shore Drive). Edward führte mich durch die Chicagoer Studios des National Public Radios – dem öffentlich-rechtlichem Rundfunk in den USA. Anders als in Deutschland finanziert sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk ausschließlich durch Spenden. Zweimal im Jahr starten Edward und seine Kollegen deshalb eine große Sammelaktion. Etwa zwei Millionen Dollar müssen pro Jahr zusammen kommen, um den Sendebetrieb aufrecht zu erhalten.

In Chicago erlebte ich auch den "Independent Day" in einer amerikanischen Familie, mit großem Picknick am Lake Michigan, USA-Flaggen, Feuerwerk und Nationalhymne. Sehr empfehlenswert. Edward, der sich (wie auch schon viele Leute in New York) gleich bei unserer ersten Begegnung für den "schlimmsten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten" entschuldigt hatte, blinzelte mir einmal zu und zitierte Toybee: "America is like a large friendly dog in a small room. Everytime it wags its tail it knocks over a chair." Durch Edward lernte ich auch mehrere Kolleginnen bei der "Chicago Tribune" kennen, durch die ich wiederum in Kontakt kam mit einer unglaublichen Anzahl von Jazzmusikern, Schriftstellern und Fotografen – jeder für sich eine eigene Geschichte.