USA-Reisebericht
 

Von Felix Lee

 

 

 

Die einstöckigen Häuser in der Haimen-Straße wirken unscheinbar. Während im Hintergrund 40-stöckige moderne Hochhäuser aufragen, breiten sich auf den schmutzigen Fassaden feuchte Flecken aus. Wäsche hängt aus den Fenstern. Alte Männer sitzen gelangweilt an der Straße. Von den Garküchen strömt der Geruch von verbrannten Süßkartoffeln. Nur ein paar fast schon verblichene Schriftzüge erinnern mich daran, weswegen ich nach Hongkou, diesem abgelegenen Stadtteil von Schanghai gekommen bin. „Atlantik-Café“ steht auf einem der Häuser, „Imbiß-Stube“ und «Delikatessen» auf den anderen. Ich wollte mir anschauen, wo Gerald Lindenstrauss einst Jahren gelebt hat.
Ortswechsel ein gutes halbes Jahr zuvor: Ich sitze in einem geräumigen Büro mit einem antiken Schreibtisch in einem repräsentativem Townhouse ganz in der Nähe vom Union Square in New York. Es ist das Leo-Baeck-Institut in der 16. Straße West. Jerry Lindenstrauss, so nennt sich der inzwischen 79-Jährige heute, sitzt mir gegenüber. Er hat den Holocaust überlebt. In Schanghai fand er Zuflucht. Nun ist er ein reicher Mann in New York.

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit dem Verbleib der so genannten „Schanghailänder“, rund 20.000 deutsche und österreichische Juden, die auf der Flucht vor den Nazis zwischen 1938 und 1947 Zuflucht in der ostchinesischen Hafenmetropole fanden. Schanghai war zu dieser Zeit der einzige Ort, an dem die jüdischen Flüchtlinge aus Mitteleuropa ohne Visum einreisen konnten. Doch dauerhaft bleiben wollte kaum einer. Nachdem der Zweite Weltkrieg beendet war und die Kommunisten in China an die Macht kamen, verließen die meisten die Stadt ihres Exils wieder. Viele gingen in die USA, viele von ihnen wiederum nach New York. Darunter auch Jerry Lindenstrauss.

In Berlin und Schanghai bin ich zu diesem Thema bereits fündig geworden. Was mir in der Recherche fehlte war New York. Die Michael-Leisler-Kiep-Stiftung hat mir im Herbst 2007 einen dreimonatigen Aufenthalt ermöglicht, um mich gezielt auf der Suche nach dem Verbleib der Überlebenden machen zu können, die nach New York gingen. Und ich brauchte nicht lange bis ich feststellte, dass es kein Zufall sein dürfte, warum sich vor allem viele Ex-Berliner nach ihrer Exil-Zeit in Schanghai ausgerechnet am Big Apple nieder gelassen haben. Denn so unterschiedlich die drei Städte auf den ersten Blick sein mögen –es gibt einige wesentliche Gemeinsamkeiten: Alle drei sind Einwandererstädte. Sie haben in ihrer Geschichte immer wieder große Umbrüche durchgemacht. Zugleich stellte ich jedoch fest, dass New York – und dies noch mehr als Schanghai und Berlin – einerseits die ständig wechselnde Zusammensetzung seiner Bewohner ausmacht, dass andererseits darin aber auch eine enorme Stabilität steckt. Die Einwanderer bringen ihre Kultur mit, leben sich ein, werden integriert, bewahren bei alledem ihre Herkunft und verhelfen der Stadt zu einer unglaublichen kulturellen Vielfalt.
Es begann mit meiner Ankunft. Übermüdet und erdrückt von der Hitze, machte es mir überhaupt nichts aus, dass ich an einer völlig falschen U-Bahnstation ausgestiegen war und keinen blassen Schimmer hatte, wo Nord und Süd war. Ich war einfach begeistert von den Menschenmassen, die an mir vorbei strömten. Denn während ich meinen Rollkoffer durch die völlig überfüllte Bleeker-Street schob, fragte ich mich nicht: Wer lebt hier eigentlich in New York?, sondern: Wer lebt nicht hier? Und auch bei der Frage, wer hier das Stadtleben dominiert, ob Chinesen oder Inder, Weiße oder Schwarze, Katholiken oder Muslims – ich musste schnell feststellen: Nach diesen Kategorien lässt sich New York nicht definieren.

Es dauerte nicht lange, bis ich mich diesem New Yorker Leben angepasst hatte. Denn in New York scheint es ganz selbstverständlich zu sein, Leute auf der Straße anzusprechen, um sich wenig später in einem Diner oder einer Filiale von Starbucks wieder zu finden und eine weitere nette Bekanntschaft geknüpft zu haben – eine weitere Eigenschaft, die wohl typisch für Einwanderstädte ist. So hilfsbereit und freundlich die New Yorker insgesamt sind, so zügig gelang es mir, über das Leo-Baeck-Institut, dem Jüdischen Museum und diversen deutsch-jüdischen Vereinen Kontakte zu Überlebenden aus dem ehemaligen Schanghai-Ghetto zu knüpfen.

Insgesamt gelang es mir rund zwei Dutzend Überlebende ausführlich zu interviewen. Über diese Gespräch bekam ich nicht nur die Gelegenheit, sie über ihre Erlebnisse von damals in Shanghai auszufragen, sondern ich erhielt zugleich Einblick in ihr jetziges Leben in New York, wie sie es geschafft haben, mittellos im wahrsten Sinne des Wortes sich vom Tellerwäscher zum Teil zum Millionär hoch zu arbeiten. Und wie die Erlebnisse von damals ihr gesamtes weiteres Leben maßgeblich geprägt haben. Noch heute kommen viele von ihnen regelmäßig zu „Unions“ zusammen, halten Vorträge an Schulen in den USA und Deutschland oder engagieren sich ehrenamtlich für deutsch-jüdisch-chinesische Freundschaftsvereine.

Über meine Recherche hinaus bot mir die Stadt aber auch genügend Stoff, für meine Heimatredaktion aktuelle Berichte zu verfassen. Ich schrieb über den Umgang der New Yorker mit dem 6. Jahrestag von 9/11 am Ground Zero. Ich erlebte Barack Obama live bei einen seiner ersten Vorwahlkampfveranstaltungen vor begeisterten Brokern der Wall Street. Ich hatte die Ehre über Craig Whitney in der Redaktion der „New York Times“ zu hospitieren. Und im Rahmen des Berlin-Lights-Festivals, veranstaltet unter anderem in Zusammenarbeit mit Moma, der Carnegie-Hall und den Berliner Philharmonikern, ging ich der Frage nach, warum vielen New Yorker Künstlern das heutige Berlin an ihre Stadt in den 80er Jahren erinnert, bevor die Gentrifizierung in den Kreativvierteln Soho, Greenwich Village und Chelsea zugeschlagen hat.

Am Beispiel eines so genannten Tenement-House schrieb ich über das Leben der unterschiedlichen Einwanderergruppen im East Village, wie sie das Viertel jeweils zwei bis drei Generationen geprägt haben, bevor sie neuen Immigranten Platz machten. Nach Iren um 1850 waren es zur Wende zum 20. Jahrhundert die Deutschen, in den 20er Jahren waren zwei Drittel der Bewohner jüdischer Abstammung. Heute stellen eigentlich Hispanos und Asiaten den Großteil der Bewohner, wobei sich bei meinen Recherchen vier der insgesamt sechs Parteien in dem Wohnhaus vor allem als junge Künstler und Börsenmakler entpuppten, deren Beruf sie prägender charakterisiert als deren ethnische Herkunft.

Zudem durfte ich am eigenen Leib die ersten Vorläufer der US-amerikanischen Hypotheken- und Bankenkrise miterleben. Ich hatte das gehörige Glück, für meine drei Monate die Wohnung eines Bekannten zu übernehmen, der mir seine Mansardenwohnung in einem schönen New Yorker Brownstonehaus mitten im angesagten East Village zur Verfügung stellte. Chinatown, Little Italy und Soho waren ebenso nur wenige Schritte entfernt wie Chelsea oder Union Square.

Rund 6.000 US-Dollar Miete kostete sie am Anfang meines Aufenthalts. Als mein Bekannter sie drei Monate später aufgab, wurde die Maklerin sie nicht mal mehr für 3.000 US-Dollar los.

Ehe ich mich versah, waren meine drei Monate auch schon vorbei. Und dennoch habe ich bei meiner Rückkehr das Gefühl gehabt, ich bin eine Ewigkeit weg gewesen – so viele Eindrücke hatte ich gesammelt. Was ich neben einigen Freund- und vielen neuen Bekanntschaften aber vor allem von diesem Aufenthalt mitnehme: der gnadenlose Optimismus der US-Amerikaner. Ein Harvard-Wissenschaftler, den ich auf einem Besuch in Boston kennen lernte, brachte es auf den Punkt: In den USA denken selbst 60-Jährige noch, ihr Traum geht in Erfüllung. So absurd dieses Lebensgefühl in manch einer Situation scheinen mag. Es ist ein schönes Gefühl.