Prunksters in Amerika

Ein fremdes Land, wo Freunde wohnen

Von Henning Kober

 

 

 

Als ich ankam, war es Nacht. Vor dem Terminal am Kennedy-Flughafen drängten sich die Menschen in alle Richtungen. Im Himmel standen Helikopter. „Der Präsident ist in der Stadt, es fahren keine Busse“, erklärte der schnellsprechende Italiener. Er lud meine Koffer in seine Limousine und fuhr los, sehr schnell, sehr teuer nach Midtown Manhattan. Es war Ende September 2004, Bush war tatsächlich da, die Republikaner hielten ihren Krönungsparteitag - aber ich war an diesem Abend ein gutgläubiger Anfänger. Nach dem Schock der Rechnung zog ich in meine erste New Yorker Wohnung. Sie war vier Quadratmeter groß, abgeteilt mit Vorhängen, das Bett eine Luftmatratze. Die Vermieter waren ein junges Paar aus Upstaate, die, um ihr kleines Theater in der Nähe des Broadways zu finanzieren, unter der Woche ihren Bühnenraum als Hostel vermieteten. Ich hatte kurz vor meiner Abreise noch einmal "Breakfast at Tiffanys" und "Taxi Driver" gesehen, dachte, Berlin, London, New York, das Spiel ist das gleiche, wir haben doch dieselbe Kultur. Dann lief ich in dieser ersten Nacht hoch zum Times Square, trank ein Bier aus der Papiertüte, schaute herum und merkte: Du bist gelandet in einem fremden Land, und New York ist noch nicht einmal Amerika, sondern das „Zentrum des Universums“, wie mir später immer wieder gesagt wurde. Klar war, es würde viel schwieriger, es hier zu schaffen. Aber ich war da und wollte bleiben.
Am nächsten Tag kaufte ich ein Telefon. Am Abend des zweiten Tages zog ich in eine andere Wohnung, ein großes Zimmer in einem Loft in Williamsburg, einem Stadtteil in Brooklyn. Gut an New York, das Tempo. Die Miete war dreimal so hoch wie in Berlin, es gab keine Heizung, aber große Fenster. Am Morgen hielt ein Eiswagen an der Straßenecke. Meinen ursprünglichen Plan, ein Praktikum bei der Village Voice zu machen, hatte ich aufgegeben, nachdem mein Gesprächspartner entlassen wurde und seine Nachfolgerin mir klar gemacht hatte, dass ich außer Internet-Recherche nichts erwarten dürfte. Aber ich wollte schreiben, Geschichten aus Amerika für Deutschland.
Für meine erste bin ich dann einfach aufgeblieben. Stimmt das noch, New York, New York, du nie schlafender Riese, wollte ich wissen. Es war eine Dienstag Nacht und ich mied klassisches Entertainment, kein Theater, keine Bars. Lief die Fünfte Avenue runter, hörte Velvet Underground, saß mit den Pillenjungs, die Arzneimittel an Passanten verkauften, am Union Square und weinte am Ground Zero im Morgen. Ein schneller Surf, die Geschichte erschien wie die meisten meiner Texte in „tazzwei“, dem neuen Gesellschaftsteil der „tageszeitung“. Danach war ich da. Ich blieb ein halbes Jahr.
Im Herbst dann zunächst dieses Drama: Kerry gegen Bush. Oder Gut gegen Böse, wobei in New York für die meisten Bush das Böse verkörperte. Vor allem Jüngere interessierten sich mit Aktionismus, wie seit den Siebzigern nicht mehr, für diese zur Schicksalsfrage stilisierte Wahl. MTV machte daraus „The Youth Vote“, P. Diddy war der Schirmherr, 20 Millionen Erstwähler hatten sich registrieren lassen. Als Bush bei den Fernsehduellen steif und matt wirkte, jubelte die Menge, die sich im Studio der Musikproduzenten Fisherspooner versammelt hatten. Aus Williamsburg, einem Stadtteil, der wie Berlin-Mitte vor zehn Jahren funktioniert und von vielen Künstlern bewohnt wird, fuhren jedes Wochenende Busse mit Freiwilligen nach Ohio in den Stimmenkampf. Auch Ron Reagan und die New York Times waren für Kerry, es sah aus als würde der Senator aus Massachusetts gewinnen und nach allen Gründen der Vernunft schien sein Sieg wünschenswert.
Es wurde mit ungekannt harten Worten gekämpft. Auf dem Union Square standen vor großer Runde Demagogen, die die Bedeutung dieser Wahl mit der Situation in Deutschland vor Hitlers Machtergreifung verglichen. Ich erlebte, wie ein junger Mann von seinen Mitbewohnern über Nacht aus der Wohnung geworfen wurde, weil an seinen Witzen über Kerry ein Konflikt eskalierte. Nach so viel konformer Meinung war es angenehm, einen zu treffen, der für Bush Gutes übrig hatte. Der Mann war ein schwuler Republikaner und wurde wenig später berühmt, mit seinem Drehbuch zu einer Fernsehserie über verzweifelte Hausfrauen in Los Angeles.
Am Tag vor der Wahl fuhr ich nach Washington. Eine Deutsche sollte die Korrektheit der Wahlen überwachen. In einem gemieteten Büro in Georgetown saß Rita Süssmuth als Vertreterin der OSZE. Wir fuhren übers Land durch Maryland und Virginia. Vor den Wahllokalen lange Schlangen, bis zu zwei Stunden. Aber viele junge Gesichter, viel Geduld und kaum Unregelmäßigkeiten. Am Nachmittag wurden die Exit Polls getuschelt, zehn Prozent Vorsprung für Kerry.
Es kam anders. Tief in der Nacht war klar, Bush hatte gewonnen, auch die jungen Wähler hatten nicht eindeutig für Kerry gestimmt. Amerika ist tief gespalten, für lange. Vor dem Convention Center, wo die Republikaner ihren Wahlsieg feierten, standen sie sich um vier Uhr morgens gegenüber: An der Ecke die jungen Kerry-Anhänger mit Kerzen, sie riefen: „No more Bush, no more fear“. Bewacht und beschützt wurden sie von Polizisten. Ihnen gegenüber junge Republikaner, aufgepeitscht: „Four more years“ und zu den Kerry-Leuten: „We put you all in jail“.
Erstaunlicherweise habe ich seit November wenig mit Amerikanern über Politik gesprochen. Der New Yorker Schriftsteller wollte doch nicht mehr so entschieden ins Berliner Exil. Der demokratische Wahlkämpfer ist nicht nach Kanada geflüchtet. Das Thema verschwand aus einem sehr amerikanischen Grund. Der Sturm der Einflüsse in diesem Land, öffentlich wie privat, ist so gewaltig, den Menschen bleibt keine Zeit. Das hat auch viel mit dem im Vergleich zu Deutschland reinen Kapitalismus zu tun, der ständiges Wählen abverlangt. Am Anfang fiel es mir schwer, im Supermarkt zu entscheiden, welche der 30 Sorten Orangensaft meine sein soll. Andererseits beobachtete ich, dass die meisten Menschen geschickt und gekonnt mit den kaum endlichen Angeboten umgehen.
Erschöpft von der Politik, wendete auch ich mich im November einem anderen Thema zu, der Kunst. In New York wurde das neue MoMa eröffnet. Dann traf ich die Christos, die ihr Spektakel im Central Park vorbereiteten. Ich lernte, wie man in den USA Interviewpartner anspricht, mit Agenten verhandelt. Craig Whitney und Guy Trebay von der New York Times halfen mir mit ihrem Rat.
Auch wenn ausländische Medien nicht besonders hoch im Kurs stehen, scheinen mir, jetzt zurück in Deutschland, die Arbeitsbedingungen dort fast leichter. New York zeigte sich mir als ideale Stadt zum Schreiben. Es passiert viel, vor allem aber arbeiten alle Menschen extrem viel, man kommt selbst gar nicht auf andere Gedanken. Schnell hatten meine Tage eine angenehme Routine: Aufstehen am späten Vormittag, Recherche am Nachmittag, Essen im Dinner, Schreiben bis zum nächsten Morgen, dann mit der Redaktion telefonieren und die nächste Geschichte ausmachen.
Als freier Autor in Amerika kann man über Vielfältigstes schreiben. Als Deutschland sein Drängen in den UN-Sicherheitsrat konkretisierte, begleitete ich deutsche Touristen auf ihrer Tour durch die UNO. In Connecticut, wo im Reservat der Mashantucket-Indiander das größte Casino der Welt steht, fand ich das amerikanische Altersheim. Der Gewalt-Autor Chuck Palaniuck erzählte mir von seiner Jugend im Trailer-Park. Außer in der taz, erschienen meine Texte im Neon-Magazin, Welt am Sonntag, Berliner Zeitung und der Schweizer Wochenzeitung. Gut für das Schreiben war auch die Menge an interessantem Material, das es in den USA gibt. Nicht nur die Tageszeitungen und 16 000 Magazintitel, sondern viele großartige Filme und Bücher, die in Europa nie erschienen sind, zum Beispiel von Burroughs, Ginsberg und Kerouac oder Capote. Ich traf Tom Wolfe, bei Hunter S. Thompson war ich leider zu spät.
Viele in meiner Generation lehnen die USA inzwischen ab. Sie demonstrieren nicht nur aus verständlichen Gründen gegen einen Krieg, sondern gegen ein Land, das unverständlich geworden ist. Dazu gesellt sich ein komischer Nationalismus, der, beschallt von Texten wie denen der Berliner Band Mia, ein Cool Germania auszurufen versucht. Was erscheint denn hier zulande von den USA? Meistens geht es um Hollywood-Filme, dekadente Ressourcen-Verschwendung und immer wieder George W. Bush. Mit der Realität des Landes hat das so viel zu tun wie Deutschland mit Sauerkraut und Lederhosen. Ich wollte jenseits der Gedichte von Donald Rumpsfeld und den Brüsten Janet Jacksons Geschichten erzählen und hatte mir vorgenommen, in Amerika nach jungen Menschen zu suchen, die sich selbst Radikale sind. Träumer und Utopisten, die in zehn Jahren entweder sehr mächtig oder tot sind. Ich habe sie Prunksters genannt und jeden Freitag in der tageszeitung eine Kolumne über sie geschrieben. Dabei sind mir viele Beziehungen und Freundschaften entstanden.
Im Januar reiste ich durch das Land, nach Miami, Phoenix, zum Sundance-Filmfestival in Park City und kam schließlich an in Hollywood, Los Angeles. Zu dieser Zeit begann der Jackson-Prozess, den ich in den nächsten zwei Monaten beobachtete. Über 1000 Journalisten hatten sich am Gericht in Santa Maria akkreditiert. Es begann ein gewaltiges Medienspektakel, ein Fernsehsender stellte das Geschehen im Gerichtssaal jeden Tag mit Schauspielern nach, weil Kameras im Gericht nicht zugelassen waren. Schnell war klar, der ganze Trubel, all die Exzesse und Details aus Neverland, die lüstern in die Welt gemeldet wurden, lenkten ab von der eigentlich spannenden Frage. Michael Jackson, über den Experten sagen, er wäre heute eine größere Legende, wäre er bereits vor zehn Jahren gestorben, ist der größte Super-Popstar, ein Produkt der Unterhaltungsindustrie, getragen und bereitwillig konsumiert von der weltweiten Gesellschaft. Wie reagieren wir auf dessen Andersartigkeit, wenn sie unsere Akzeptanz überschreitet?
Seit über zehn Jahren gibt es Missbrauchsvorwürfe gegen Jackson, der Freundschaften zu über einem dutzend minderjähriger Jungen pflegte. Es ist eine äußerst komplexe Geschichte, so kompliziert, dass sich eine Reduzierung auf das einfachere "er hat oder er hat nicht, schuldig oder unschuldig" durchgesetzt hat. Dabei war das Gerichtsverfahren, entgegen ursprünglicher Bedenken, verhältnismäßig fair und korrekt. Die Wahrheit bleibt etwas sehr Subjektives. Auch eine Analogie zu Los Angeles, der großen Stadt unter dem Smog, in der die Menschen so anders leben als in Europa oder dem Osten der USA. Realität ist eine Frage der Perspektive, in Reportagen die des Reporters. Ich habe versucht, das in meinen Texten deutlich zu machen.
Jetzt zurück in Berlin möchte ich mich sehr herzlich bei der Stiftung, bei Familie Kiep und bei Frau Dähler bedanken. Ihre Unterstützung und Ermutigung hat mich diesen Teil der Erde entdecken lassen, ohne mir irgendwelche Vorschriften zu machen. Das schätze ich sehr.